Ring Bergisches Land

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Auf dem Dach der Welt

 

Die Sonne brennt heiß und auch der aufkommende Wind bringt keine Abkühlung für den Kopf. An Schatten ist nicht zu denken. Wir befinden uns nun schon auf über 4000 Metern und Bäume gibt es hier schon länger nicht mehr ...

Die letzte Nacht haben wir noch in unserem Schlafsack und unter Decken gefröstelt. Die Tagestemperaturen sind immer warm bis heiß, Nachts hat es hier allerdings Minusgrade. Der Aufstieg liegt nun schon drei Tage hinter uns und wir haben viele nette Menschen getroffen (unter anderem nepalesische Pfadfinder, mit denen ich mein Halstuch getauscht habe), sehr schöne Ausblicke gehabt und viele interessante Facetten von Nepal kennengelernt.

Nun geht es ums Ganze und wir wollen den Gipfel “Laurebina La” auf 4610 Metern erklimmen und dann auf der anderen Seite zum heiligen See Gosaikund weiter wandern. Das Vorhaben ist ein bisschen heikel, weil man ab 3500 Metern, wegen der Gefahr der Höhenkrankheit, nur noch in 400 Metern Schritten aufsteigen soll. Unser letztes “Teahouse” lag auf 3740 Metern, die Vorgaben überschreiten wir also ein wenig, aber wir sind ja jung und frisch -  das wird schon klappen.

Die Vegetation ändert sich im Himalaya fortlaufend. Am Anfang wurden wir gewarnt, dass es ein bisschen wie im Schwarzwald aussehen würde und vermutlich stimmt das auch im entferntesten. Solch eine abwechslungsreiche und erstaunliche Flora wie im Himalaya habe ich aber noch nicht gesehen. An Schwarzwald, Urwald und ein bisschen Olymp sind wir nun also vorbei, jetzt gibt es nur noch Steinlandschaft.

Der Rucksack wiegt zum Glück nicht so viel, wir haben nur Notproviant dabei. Das Atmen fällt aber, ob der dünnen Luft, schwer und so langsam macht sich ein komisches Gefühl im Kopf breit. Wir erklimmen eine Lodge, sie ist aber wie angekündigt geschlossen. Die Lodges sind hier oben alle aus Stein gebaut, mit einfachen Holzinnenverkleidungen. Es gibt meistens einen Aufenthaltsraum mit Ofen, eine Küche, ein paar Zimmer, eine Hocktoilette und manchmal einen Raum zum “Duschen”. Es ist urig, authentisch und für unsere Belange absolut komfortabel.

Eine Pause muss jetzt aber her, wir klettern schon wieder eine ganze Zeit. Das Frühstück fiel heute besonders opulent aus, da wir heute kein Mittagessen bekommen werden. Es ist erst elf Uhr, ich habe jetzt aber trotzdem Hunger und wir machen uns über die Erdnüsse her.

Ob Johannes auch dieses Stechen im Kopf hat? Ja hat er. Das sind dann wohl die ersten Anzeichen für eine Höhenkrankheit. Solange man es nicht übertreibt soll es aber nicht so schlimm sein, Johannes hat sich da erkundigt.

Zwei Sherpas kommen mit dem Gepäck einer ganzen Reisegruppe an uns vorbeigeflogen. Das sind sicherlich 30 - 50 Kilo, die die beiden Jungs jeweils schleppen. Die Widerstandsfähigkeit der Nepalesen ist uns schon so manches Mal aufgefallen. Die Frauenn schleppen hier ganze Holzbündel oder Reissäcke die Berge, nur mit einem Band um den Kopf geschlungen, die Berge hoch. Und auch die ganzen Materialien und das Essen werden von den so genannten “Portern” die Berge hochgebracht. Porter zu sein ist in den Bergen ein angesehener Beruf und es ist immer wieder erstaunlich ihnen bei der Arbeit zu zusehen.

Ich verstecke derweil meinen Kopf unter meinem Schal und wir suchen uns einen windstillen Winkel. Im Wind ist es zu kalt, aber ohne Wind knallt die Sonne noch mehr. Jetzt sind die Erdnüsse alle und wir wollen weiter. Wieder zurück würde auch gehen, aber so schlimm ist es dann auch wieder nicht. Also satteln wir auf und kraxeln unseren Weg weiter.

Rechts und links vom Weg macht sich jetzt auch immer mehr Schnee breit, der Weg ist aber zum Glück noch frei. Es herrscht absolute Stille, ich höre nur den Schritt meiner Schuhe.  Desto höher wir kommen, desto schwerer geht das Wandern. Wir machen öfter Pause, aber selbst vom wieder aufsatteln bin ich außer Atem. Sowas hab ich auch noch nicht erlebt.

Den Olymp im Hochsommer zu besteigen ist anstrengend, weil es unerträglich heiß ist, man viel zu tragen hat und einem die Beine weh tun. Das hier ist aber eine ganz andere Herausforderung. Die Sonne brennt zwar, aber es ist erträglich, der Rucksack ist leicht und Beine sind frei - es ist der Kopf der Probleme macht. Bei jedem Schritt schmerzt es und die Pausen bringen nur kurze Zeit der Linderung.

Wir strampeln unseren Weg weiter nach oben, über Eisflächen und Schneefelder. Dann sind wir oben, denken wir, aber es kommt noch ein weiterer Hügel. Der ist dann aber auch bald geschafft und wir sacken froh neben unseren Rucksäcken zusammen. Es fehlt ein bisschen der Ausblick, aber das müsste definitiv der höchste Punkt sein. Wir könnten noch eine Stupa 20 Meter höher erklimmen, aber das ist für uns einfach nicht mehr drin.

“Es fühlt sich ein bisschen so an, als hätte man zu wenig geschlafen, zu viel getrunken und müsste jetzt klar denken”, fasst Johannes zusammen. Wir verzehren den Rest unseres Notproviants, nur noch ein Not-Not-Schokoladenriegel bleibt übrig.

Dann also weiter. Wir sind glücklich, es geschafft zu haben und stolpern so den Weg weiter. Ein bisschen geradeaus, und dann auch endlich wieder ein bisschen bergab. Nach einer Biegung haben wir ihn dann - unseren Ausblick. Mindestens ein paar 6000er müssten das sein, die sich da vor uns auftürmen und die Wolken sehen aus wie ein Bett aus Watte - unter uns! - es ist einfach unbeschreiblich schön.

Jetzt muss auch der Not-Not-Proviant dran glauben, es kann ja nix mehr schief gehen. Wir lassen eine Herde Yaks mit ihren drei Hirten vorbeiziehen uns machen uns auf nach Gosaikund, dem heiligen See, zu dem im Sommer bis zu 20.000 Hindus Pilgern (von der anderen Seite), um dort zu baden. Der See ist nach einer Legende von Shiva selbst angelegt worden, und der schwarze Fels in der Mitte des Sees soll angeblich sein Kopf sein.

Nach einiger anstrengenden, aber auch ob des Ausblicks schönen, Zeit kommen wir an einem “Hotel” an. Das Zimmer bekommen wir für die Hälfte des Preises, feilschen können wir noch, so fertig wie wir sind. Dann muss schnell eine Nudelsuppe rein und für jeden zur Belohnung ein Saft. So gehts gleich viel besser. Ein anwesender Schwede gibt uns allerlei Tipps, wie wir mit unserer Höhenkrankheit umzugehen haben, wir wollen aber eigentlich vor allem Ruhe haben.

Zum Abend lauschen wir dem recht lustigen Gespräch zwischen dem Schweden und einem Esten (“Do not forget, once we burnt your Stockholm!"), schon früh haben wir aber genug und verkrümeln uns in unsere Betten.

Die Nacht ist vor allem eins: Schlimm!
Schlaf gibt es nur wenig und in kurzen Intervallen. Morgens werfe ich mir eine Schmerztablette ein uns bekomme dann doch nochmal eine Stunde Ruhe. Johannes geht es sichtlich gleich bescheiden. Wir nehmen eine Suppe zum Frühstück und verabschieden uns überhastet.

Der Weg ist wieder total schön, aber wir können es nur halb genießen. Jeder Meter Abstieg tut sichtlich gut, die kurzen Passagen des Abstiegs sind aber noch anstrengender als gestern und die Bewältigung dauert eine Ewigkeit.

Schließlich sind wir ein paar hundert Meter runter und erleben die Krönung unserer Mühen. Ein prächtiger 180 Grad Ausblick über das Himalaya Gebirge. Links am Horizont ist der Mt. Manaslu (8156 Meter) zu erkennen, daneben die vier Gipfel des Ganesh Himal, einige tibetische Berge und weiter rechts schließlich Langtang Lirung. Die Schmerzen sind verflogen und wir fühlen uns nun wirklich “auf dem Dach der Welt”...

Adrian



















 

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