Wie man Motorräder mit der Bahn mitnimmt
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Als wir in Vishakaptnam versuchen Adrians Motorrad zu verkaufen, stehen wir vor Problemen: Das scheint nur in dem Bundesstaat zu gehen wo es zugelassen ist. In unserem Fall ist das Tamil Nadu, 600 km weiter südlich.
Da Adrian aber nach Bodh Gaya in den Norden zum meditieren möchte und wir daher keine Zeit mehr haben, die Maschinen runter zu fahren, erkläre ich mich bereit, die die Dinger mit der Bahn nach Chennai zu transportieren. Wenn es denn geht? Wir holen ein paar Infos bei der Bahn ein (es geht) und parken Adrians “Passion” erstmal am Bahnhof... Er nimmt den nächsten Zug gen Norden, ich mache nochmal die Gegend auf meinem Bike unsicher. Eine Woche später bin ich wieder da, es ist Freitag morgen. Ich stehe am Schalter des "Parcel Office" und habe ein Bahnticket für Montagmorgen 04:30 und erkläre dem guten Mann mein Anliegen: Ich möchte mit diesem Zug zwei Motorräder mit nach Chennai, Tamil Nadu transportieren. "Kein Problem!", sagt der Mann, "kommen Sie einfach am Sonntag vorbei mit leerem Tank und verpacktem Motorrad, sowie Xerox der Papiere, dann können wir die versenden." Gesagt, getan fahre ich Sonntag früh meine “Splendor” zum Parcel Office. Ich hab ein paar Wasserflaschen dabei um das Benzin reinzufüllen. Meine Maschine hab ich gestern versehentlich leergefahren (bekannterweise hab ich keine Tankanzeige) und dann nochmal Zweieinhalb Liter nachgetankt. Da kann also nicht mehr viel drin sein. Es hängen auch direkt ein paar Inder rum, die mir das Motorrad fast aus den Händen reißen und beginnen es zu verpacken. Sie zeigen mit den Fingern "drei" und ob das jetzt 30 oder 300 Rupien heißt ist mir nicht so ganz klar. Ich stimme zu. Ich beginne den Tank zu entleeren - hinterm Benzinhahn ist ein Schlauch den man einfach rausziehen kann - aber auch diese Arbeit wird mir bald abgenommen. Also geh ich auf die andere Seite des Bahnhofs, löse Adrians “Passion” beim bewachten Parkplatz aus und fahre sie um den Bahnhof rum. Die “Splendor” ist schon verpackt mit Pappe und so groben Stoffsäcken. Tank ist leer, da war kein Liter mehr drin. Ich lasse die Leute arbeiten und gehe ins Büro. Ausnahmsweise ist hier mal nicht der Teufel los. Ich erkläre dem Mann nochmal was ich will, er gibt mir ein Formular, dass ich ausfüllen will, ich gebe ihm die Kopien der Papiere, bezahle ihm 1800 Rupien und gehe zu den Motorrädern. Die Passion ist verpackt, aber es kommt immer noch Benzin raus. Das geht auch noch was länger, bis nach 5 Litern leer deklariert wird. Beide Räder werden reingeschoben und ich spreche nochmal mit dem Officer. Der fragt mich, wann mein Zug geht, ich sage: "Morgen, um vier Uhr morgens". Dann solle ich um Eins nochmal bei ihm vorbeikommen damit er sicherstellen könnte, das die Räder verpackt werden. Moment. Der Typ der hier den ganzen Tag sitzt wird doch nicht auch Nachts um eins hier sein? "Um ein Uhr morgens?" frage ich nochmal nach. “Ja ja.” Auf dem Rückweg zum Hotel quatsche ich einen Motorradschrauber an, ob er mir 3l Benzin abkaufen will. Er macht mir einen unverschämt schlechten Preis aber bekanntermaßen spreche ich nur ungern fremde Leute wegen irgendwas an, darum lass ich mich drauf ein. Inzwischen ist es Abend und ich in den Wartesaal des Bahnhofs eingezogen. Ich penne und lese vor mich hin. Um ein Uhr eiere ich zum Parcel Office rüber - übrigens ein längerer Spaziergang, weil es am Ende vom letzten Gleis ist und indische Gleise wegen entsprechender Zuglänge megalang sind. Natürlich ist mein Freund der Officer nicht da. Ich mache dafür jemand anderem verständlich was ich will. "Klar," sagt er , "wenn die in Howrah uns Platz im Zug lassen packen wir es ein, dass ist aber eher unwahrscheinlich. Sonst schicken wir`s morgen um zehn. Da ist auf jeden Fall Platz." Na toll! Ich mache mich also schonmal drauf gefasst mit dem Tuktuk eine Bleibe zu suchen und am Morgen wieder zum Bahnhof zu kommen. Das Problem ist, dass ich eigentlich ein enges Zeitfenster habe, weil ich schon einen Zug von Chennai nach Kolkatta gebucht habe. Zum Glück kostet stornieren hier nichts. In Chennai angekommen, gehe ich das Gleis runter zum ersten Wagen, wo das Gepäck ausgeladen wird. Keine Motorräder, auch in den Wägen nichts zu sehen. Auch bei den Sachen die schon ausgeladen sind, sind unsere Räder nicht dabei. Ich gehe also zum “Luggage Office” (so scheint das hier zu heißen) und nachdem ich aus der Schlange raus zum Hintereingang vom Büro beordert wurde, um dort mein Anliegen vorzubringen, habe ich auf jeden Fall jemanden, der mir bei meinem Problem hilft: Der Chief Luggage Officer - oder so ähnlich . Der läuft auch tatsächlich mit mir einmal das gesamte Gleis ab, bis zum letzten Waggon (wie gesagt, indische Züge sind lang) um zu sehen, ob die Räder nicht doch dabei sind. Sind sie nicht. “Der nächste Zug kommt heute Nacht, kommen Sie doch einfach morgen Früh um acht Uhr vorbei.” Man muss seine Sachen nämlich 6 Stunden nach Ankunft abholen oder Strafe zahlen. Der gute Mann versucht noch in Vishakapatnam anzurufen, aber da geht keiner ran. Ich nehme mir also ein Tuktuk zur Bells Road, zahle mehr als ich hier zugeben will und finde ein Zimmer (nachdem mehrere Guesthouses voll sind) für nur 170 Rupien. Dubioserweise wollen die Jungs 600 Rupien Anzahlung haben - von mir aus. Am nächsten Morgen nehme ich ein Tuktuk zum Bahnhof. Halb so teuer wie das gestern. Leider bin ich nicht ganz wach und höre dem Fahrer nicht ordentlich zu und er fährt mich zur Bahnstation Egmore statt Central. Naja. Nachdem ich das gemerkt habe nehme ich ein Tuktuk zum nächsten Bahnhof. Okay. Am Luggage Office checke ich erstmal die Gegend ab, die Räder stehen nirgendwo. Mein Freund von gestern ist nicht da, also erkläre ich jemand anderem mein Problem. "Ja die sind wohl nicht gekommen. Kommen sie doch nach zwei Uhr wieder, dann ist der Chief Luggage Officer da, der kann in Vishakapatnam anrufen und fragen was los ist." Ja das mit dem anrufen hat ja gestern super geklappt, denke ich. "Können sie mir nicht die Telefonnummer von hier geben, dann muss ich nicht vorbeikommen?" Bekomme ich. Wenigstens etwas. Auf dem Heimweg nehme ich kein Tuktuk, das vorm Bahnhof wartet sondern eins das an der Ampel steht. Das ist auch direkt annehmbar günstig. In meiner Absteige gibt es ein Münztelefon (nimmt nur 1 Rupien-Stücke). Nach ein paar Anlaufschwierigkeiten bekomme ich es zum laufen und rufe am Bahnhof an. Eine Frau nimmt ab, notiert meine Gepäcknummer und ich soll in zehn Minuten nochmal anrufen. Mach ich. Meine Sachen sind in Vishakapatnam noch nicht eingeladen und ich soll morgen um 17:30 Uhr nochmal anrufen. 17:30 Uhr gibt Sinn, denn dann sind die Sachen aus dem Nachtzug da, und mit einen Anruf in Vishakapatnam kann gecheckt werden, ob sie im Morgenzug unterwegs sind. Dann muss ich nicht zwei mal anrufen, denke ich mir. Ich rufe also die nächsten zwei Tage um 17:30 an und kriege jeweils meinen Freund den Chief Luggage Officer ans Telefon, der mir verkündet: "not loaded yet." Inzwischen habe ich meinen Zug storniert, einen neuen gebucht, den storniert und einen neuen gebuchtein Päckchen in die Heimat geschickt, mich mit dem Bus verfahren, das Hotel gewechselt usw. und so fort... Um 17:30 des vierten Tages nach meiner Ankunft in Chennai rufe ich wieder an. Ja, meine Motorcycles, die wären seit heut früh da, ich soll sie schnell abholen kommen. Ich hole zwei Liter Benzin aus meinem Zimmer handele ein Tuktuk aus und fahre rüber. es ist ca 18:00 Uhr, die Räder seit 4:00 morgens da und ich soll also 180 Rupien bezahlen. Ich bin eher nicht gewillt, das hilft aber gar nichts. Wo ich die denn entpacken könnte? “Ja schieb sie aus dem Bahnhof raus, da kannst du die entpacken.” “Da vorne raus?” “Ja ja.” Ich bekomme noch einen Zettel den ich irgend einem Polizisten zeigen muss. Also schiebe ich zuerst die “Splendor” aus dem Bahnhof raus, vorbei an einer lustigen Polizeisperre, stelle sie in der Nähe von einem Müllhaufen ab. Hier kann ich ja zur Not den Müll abladen. Dann hole ich die Passion. Diesmal hält mich ein Polizist auf. Ich dürfe das Motorrad hier nicht rausschieben, ich müsse auf Gleis 1 und dann nach hinten rechts. Ah ja? Nun gut. Auf dem Weg nach Gleis 1 hält mich nochmal ein Polizist an und sagt mir ich soll lieber auf Gleis 9 nach hinten schieben und dann nach rechts, das würde beides gehen. Mache ich. Da scheint dann auch langsam alles Sinn zu geben, hier wird relativ viel Zeug hin und her geschoben, es gibt ein Tor, es will auch mal ein Polizist den Zettel sehen und draußen reist mir auch schon jemand das Rad aus der Hand und schiebt es nach links zum Entpacken. Vermutlich sind rechts die anderen Entpacker. 100 Rupien will er dafür haben. Er spricht kein Wort Englisch, das macht mein Verhandeln schwierig. Ich glaube wir einigen uns auf 150 für zwei mal entpacken. Zurück bei der “Splendor” wundere ich mich, ob es ein Problem geben wird, sie an der Polizeisperre vorbeizuschieben, vor allen dann der Polizist am Ausgang meinen Zettel behalten hat. Ist aber kein Problem. Ich lasse den Kollegen das zweite Rad auspacken und bastele beim Ersten am Spiegel rum, der nicht mehr ordentlich hält. Nachdem entpackt ist, putzt auf einmal jemand anders an dem Rad rum. Ich setze mich drauf und checke hier den Spiegel. Der Putzer will Geld von mir und zeigt auf das Entpackte. Ich hole erstmal 200 aus dem Portmonai, kein Change, das war es dann auch mit den 150. Ich geb es dem Typen, mit dem ich das Entpacken vereinbart habe, der Putzer fängt an Stress zu machen, aber bei dem anderen Typ. Ich schiebe ersteinmal die Passion neben die ganzen anderen Räder die da scheinbar parken und schließe sie ab. Anschließend setze ich mich auf die “Splendor”. Ich werkle an den Spiegeln herum, der rechte lässt sich nicht mehr festdrehen und hängt schlapp herum. Auch die Handbremse funktioniert nicht mehr, sie lässt sich nicht ziehen. Inzwischen lümmeln auf der Passion mehrere junge Männer rum - Gegend und Klientel sind etwas dubios. Ich packe mein Benzin aus. Einer von den Leuten fängt an die Passion wegzutragen. Ich frage ihn, was er da macht, er sagt irgendwas von einem Bus. Von mir aus. Ich fülle Benzin in die “Splendor” und höre ein Geräusch. Der Typ mit der “Passion” hat das Schutzblech vorne zerbrochen. Ich gehe zu ihm und plötzlich scheint er zu verstehen ? “This is your motorcycle?” Kluger Junge. Ich schließe auf, damit er es ohne weitere Verluste irgendwo hinstellen kann. Er fängt an, das Ding wieder dranzukleben. Na ja. Ich tue den zweiten Liter Benzin in die “Splendor”, schiebe die “Passion” ein Stück weiter wo definitiv ein Parkplatz ist. Der Typ fängt nochmal an zu kleben. Ich stelle die “Splendor” am Hotel ab und nehme das Tuktuk zum Bahnhof, laufe zu den Jungs. Tatsächlich steht die Passion da. Ich fülle Benzin in den Tank, verschlabbere dabei ein bissl was. Vorm anlassen rolle ich zurück, und irgendwie hab ich das Gefühl dass da immernoch Benzin irgendworauslauft. Tatsächlich hat der Abpumptyp in Vishakapatnam natürlich nichtmehr zusammengebaut und woanders einen Schlauch rausgezogen, als ich es getan hätte. Ich weiß also nicht, wo der wieder hin muss. Ein Passant kommt vorbei, ich zeige der Problem und er kann mir helfen. Später fällt mir ein, das es mir mehr Ruhe verschafft hätte, einfach den Benzinhahn zu zudrehen. Na ja, so ist das Leben. Die “Passion” zurück zu fahren ist anstrengend. Sie fährt sich völlig anders als die “Splendor”. Langsame Geschwindigkeiten kann ich mit der “Splendor” komplett im zweiten Gang fahren. Erster Gang ist viel zu kacke für alles, aber zweiter kann dafür alles. Die Passion macht das nicht mit. Zweiter Gang ohne Gas, das hält sie keine zehn Sekunden aus. Ich würge mehrmals beim Stop and Go ab. Und kriege Sie schließlich nicht mehr an. Einige Minuten probiere ich rum bis mir ein Tuktukfahrer den Tipp gibt: Licht aus. Auch das wäre bei der “Splendor” inzwischen und nachdem sie ein bisschen gelaufen ist, kein Problem. Mit einigem gekrebse kriege ich die Passion also nach Hause, sehe das Schutzblech irgendwo unterwegs flöten gegangen ist und schaue auf die Uhr: 20:45 Uhr. Drei Stunden um zwei Motorräder vom Bahnhof zu holen. Guter Zeiteinsatz. Ich gehe dann mal Parota essen. Johannes
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