Ring Bergisches Land

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Mit dem Motorrad durch Südindien


Knapp 3000 km haben wir nun auf unseren Maschinen zugebracht. Einige Mechanikerbesuche, zwei kleine Unfälle und manch anspruchsvoller Tag liegen hinter uns. Wir besuchen unerschlossene Tempel, durchfahren urtümliche Wälder, riesige Reisfelder und protzende Berge.

Von Chennai sind wir für eine tamilisch-englisch-französische Weihnachtsmesse ins interkulturelle Pondicherry eingeflogen. Die Messe beginnt um 11 Uhr p.m. und die Reihen füllen sich schnell. Es ist ziemlich kunterbunt hier, denn es gibt eine große französische Gemeinde und die scheint hier neben vielen Indern und ein paar wenigen Travellern versammelt zu sein. Eine richtige Orgel gibt es nicht, aber die Band gibt ihr Bestes und wir singen freudig die englischen und französichen Lieder mit.

Die Ansprachen und Predigten erfolgen nacheinander in drei Sprachen. Absoluter Höhepunkt ist zu unserer Überraschung "Stille Nacht" auf deutsch (nach der tamilischen, englischen und französischen Version). Um 1 Uhr a.m. ist die Messe zu Ende und wir strömen selig mit der Masse nach draußen ins Warme.

Eigentlich soll es noch ein Bier am Strand geben, das Café hatte einen Zettel mit "24h Service" aushängen. Am Strand gibt es aber nur einen Wachmann auf dem Moped, der die Sperrstunde durchsetzt. Für uns eine absurde Situation, nicht dorthingehen zu dürfen, wo man möchte. Wir lassen uns aber nicht die Laune verderben uns trotten davon. Es ist schließlich Weihnachten - bei 30 Grad in Indien.

Für uns geht unsere Indienfahrt nun richtig los. Mit der durch die Maschinen gewonnen Freiheit tauchen wir in die indische Kultur und Lebensgewohnheiten ein. Wir fahren über die Dörfer des Südens und werden immer freudig winkend empfangen. Abseits von ausgetretenen Touristenpfaden gibts kein Porzellan mehr und wir nehmen unser Essen von Bananenblättern mit den Händen zu uns. Es bleibt uns ja auch nichts anderes übrig und doch hat es etwas für sich, das Essen mit allen Sinnen zu genießen - es zu sehen, zu riechen, zu schmecken und zu fühlen.

Wir schlafen zumeist auf Feldern unter freiem Himmel, meistens besser - manchmal auch schlechter. Das liegt oft weniger am harten Untergrund, sondern an den Tempeln, die es hier überall gibt, und die die ganze Nacht über Lautsprecher ohrenbetäubende Gesänge loslassen. Ruhe gibts hier schon mehr als in den Städten, aber leise wirds in Indien wohl nie.

Es ist schwer generelle Aussagen über die Inder zu machen, dafür sind es einfach viel zu viele und sie überraschen uns immer wieder aufs Neue. Um eine Einschätzung zu wagen, würde ich die Inder als aufgeschlossen und freundlich bezeichnen. Probleme haben wir daher hier auch noch nie gehabt. Der einzige Inder der etwas sehr aufgeschlossen war, war ein Polizeibeamter, der unsere Papiere sehen wollte. Mit dem deutschen Autoführerschein und der Rückfrage ob er denn wirklich Polizist sei hatte sich die Sache dann aber auch geklärt.

Die Freundlichkeit der Inder spiegelt sich auch in der Hilfsbereitschaft und manchmal auch in der Sorge um einen wider.

Eines Abends haben wir schon einen recht ordentlichen Schlafplatz neben der Straße gefunden und unser "Zelt" eingerichtet als ein Jeep einmal den Feldweg rauf und runter fährt und uns letztendlich findet. Wir dürfen hier auf keinen Fall schlafen, weil der Platz zu gefährlich ist ("too dangerous"). Warum wird nicht ganz klar. Zwischendurch werden uns Schlangen, Skorpione, Affen und sogar Tiger (es gibt in Indien noch geschätzte 1500 Königstiger) als Gefahrenquelle genannt.

Es bringt alles nix, wir müssen hier weg. Allerdings werden wir keineswegs böswillig verscheucht und sie haben auch schon eine Alternativschlafstelle für uns. Sie warten geduldig bis wir gepackt haben und überschütten insbesondere Johannes derweil fleißig mit Fragen wo wir den herkommen, was wir so machen, wie lange wir in Indien sind etc. pp. ...
Diese Art der Konversation haben wir hier öfter, gut kommt es an, wenn wir entsprechende Rückfragen stellen.

Alles verschnürt uns los gehts zurück zur Straße über die Feldweg-Buckelpiste. Das war im Hellen schon abenteuerlich, im Dunkeln ists schon ein gewagtes Unterfangen. Für uns - nicht für unsere neuen Gefährten.

Auf dem Highway gehts dann mit Blinklicht und Eskorte 2 km gegen die Fahrtrichtung bis zur nächsten Tankstelle. Hier können wir bleiben. Aber bitte im Licht, damit uns auch keine Schlangen angreifen. Geht so, ne.
Ein Inder, der immer ein bisschen für uns übersetzt hat, bietet uns an, in seinem Hotel zu bleiben. Kostet auch nix oder maximal 100 Rupies (das sind so ca. 1,50 Euro). Na gut, wieso nicht. Schlimmer als die Petrolstation kanns auch nicht sein.

Also gehts nochmal 2 km gegen die Fahrtrichtung auf dem Highway, es ist ja aber zum Glück keine Rush Hour.
Das Hotel ist allerdings nur ein Restaurant, aber wir dürfen auf Liegen in der Küche / Aufenthaltsraum / Materialraum / Spülraum / Waschraum / Schlafraum schlafen. Das geht in Ordnung. Es gibt noch ein leckeres Essen für uns und dann zocken wir zusammen mit den Angestellten eine Runde Indisches Rumi (Romee). Um 10 Uhr p.m. ist dann aber auch leider damit Schluss, weil die Polizei wohl angeblich Patrouille fährt und Kartenspielen hier als Glücksspiel verboten ist. Zumindest vermutlich in dubiosen Restaurant-Hinterzimmern.

So endet unser erster "Homestay" auf Liegen in einer Küche neben auf Matten schlafenden Indern und Musik von der Straße.

Für den Jahreswechsel jagen wir die Motorräder auf 2300 Meter Höhe nach Kodaikanal hoch. Ganze 50 km ist nur die Strecke vom Fuße des Berges bis zur Bergstation und entsprechend dauert unser Anstieg. Uns begrüßt sehr feine und kalte Luft und wir können mal wieder richtig gut durchatmen. Der Silvesterabend bringt uns keine große Feier, aber ein langes und natürliche lautes, stinkendes Feuerwerk. Wir stoßen mit alkoholfreiem Sekt auf neue Jahr an und freuen und da zu sein wo wir gerade sind - auf Weltfahrt.

Nach weiteren vielen Kilometern auf den Straßen Südindiens, Nächten unter freiem Himmel oder in kirchlichen Einrichtungen und dem Besuch von Tamara und Mareike in ihrem Schwesternkonvent sind wir nun in Vishakaptanam in Andhra Pradesh angekommen. Hier wollen wir mein Motorrad verkaufen, damit ich mit der Bahn nach Bodhgaya weiterreisen kann, wo ich für 10 Tage in ein buddhistisches Meditationszentrum eintauchen werde. Johannes wird noch etwas mehr Fahrerfahrung sammeln, um mich Ende Januar zu unserer Fahrt in den Himalaya wieder einzusammeln.

Bis dahin!

Adrian









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